Das Steinzeitrezept

Wie wir unsere Zivilisationskrankheiten besiegen können

Wir sind genetisch gesehen Steinzeitmenschen, die nicht für das moderne Leben angepasst zu sein scheinen. "Zivilisationskrankheiten" wie Bluthochdruck, Diabetes, Rückenschmerzen oder Allergien plagen uns, weil wir uns nicht mehr wie in der Steinzeit verhalten, das sagt Prof. Detlev Ganten, der ehemalige Leiter der Charité-Universitätsmedizin in Berlin.

 

Heutige Umwelt passt nicht zur Natur des Menschen

 

Prof. Detlev Ganten warnt: "Wir leben heute nicht mehr im Einklang mit unserem biologischen Erbe." Viele unserer heutigen Zivilisationskrankheiten könnten wir nur verstehen, wenn wir die Evolution des Menschen analysieren. Für den Mediziner Ganten ist der lange Blick zurück auf unsere 160.000 Jahre alte Geschichte essenziell: Zum Beispiel seien unsere Zähne dafür gemacht, feste Nahrung zu zerkleinern, und nicht in schlabberige Hamburger zu beißen oder raffinierten Zucker zu uns zu nehmen. Das Resultat wären degenerierte Kiefer, Karies und Zahnspangen. Und unser Bewegungsapparat sei dafür gemacht, täglich mehrere Stunden barfuß zu laufen. Stattdessen treten wir in Schuhen mit Absätzen auf Asphalt, sitzen im Auto und vor dem PC. Das Resultat wären Rückenprobleme und Fehlstellung der Füße.

 

Hungern war Teil der "Ernährung"

 

Auch was die Ernährung angeht, sind unsere genetischen Anlagen nicht optimal. Unsere Vorfahren, die Steinzeitmenschen, mussten gute Futterverwerter sein. Denn Nahrung war immer knapp, und sie mussten immer wieder Perioden mit wenig oder keiner Nahrung überstehen. Deswegen sei, so Detlev Ganten, Fasten gut für den Körper, das könne man aus der Geschichte der Menschheit ersehen. Auch seien wir deswegen genetisch darauf programmiert, kalorienreiche Nahrung für schmackhafter zu empfinden. Ein kleines Fettpolster für den Winter hat noch keiner Gattung geschadet. Die heutige Überflussgesellschaft, in der gewichtsbedingte Leiden epidemische Ausmaße angenommen haben, sieht keine Perioden mit weniger Nahrung vor. Bei der ständigen Verfügbarkeit von Essen und angesichts übervoller Supermarktregale führt gute Futterverwertung ins Übergewicht, mit all seinen katastrophalen Auswirkungen auf die Gesundheit.

 

Einst folgten wir der Nahrung; nun ist es umgekehrt

 

"Früher liefen wir der Nahrung hinterher - heute verfolgt uns die Nahrung", sagt der Arzt Staffan Lindeberg aus Lund in Schweden. Er ernährt sich seit vielen Jahren nach dem Rezept Steinzeit: Fisch, Fleisch, Gemüse, Früchte, Eier, Nüsse, aber kein Brot, keine Nudeln. Letztere Nahrungsmittel seien erst in den letzten Tausenden von Jahren auf den Speiseplan des Menschen gekommen.

 

Seit der Steinzeit, deren Beginn vor ungefähr 2,7 Mio. Jahren liegt, habe sich das Erbgut des Menschen nicht wesentlich verändert - so Staffan Lindeberg. In diesen ca. 100.000 Generationen hätte sich der Mensch an die ihm zur Verfügung stehende Nahrung angepasst. Deswegen bekommen ihm vor allem Lebensmittel aus der Steinzeit. Vor allem die Nahrungsmittel der Industrie seien für uns ungeeignet, denn in den zehn Generationen seit der Umstellung der Nahrungsmittel zu verarbeiteten "Produkten" durch die Industrialisierung habe der Mensch keine Zeit gehabt, sich genetisch anzupassen. Der menschliche Körper könne deswegen genetisch gesehen nicht mit hochkallorischen Speisen aus Öl, Mehl und Milch umgehen. Unser Verdauungsapparat kenne die Lebensmittel-Produkte aus dem Supermarkt nicht, so Staffan Lindeberg.

 

Einige Zweifel bleiben

 

Diese Theorie ist bei Evolutionsbiologen und Ernährungswissenschaftlern nicht unumstritten. Zum einen wird kritisiert, dass die Menschen der Steinzeit, also die Individuen, die in einem Zeitraum von rund zwei Millionen Jahren lebten, sehr heterogen waren. Diese gehörten zu unterschiedlichen Spezies der Gattung "Homo" an. Der Australopithecus zum Beispiel soll vor allem harte und grobe pflanzliche Nahrung, wie Samen und Pflanzenfasern gegessen haben. Auch regional unterschieden sich die Steinzeitmenschen sehr. Zum Beispiel war der Fleischanteil an der Nahrung sehr unterschiedlich - auch Aas gehörte sicherlich dazu. Frühe Menschen, die an einem Gewässer siedelten, aßen viel mehr Fisch. Von daher könne von einer einheitlichen "Steinzeiternährung" keine Rede sein. Eine genaue Rekonstruktion der Ernährung in der Steinzeit und davor sei nur in groben Zügen möglich. Auch die Aussage, dass sich das menschliche Erbgut seit der Steinzeit nicht verändert hat, ist umstritten.

 

Evolutionsmedizin stellt Schulmedizin auf den Kopf

 

Doch sicherlich ist die Steinzeit-Kost gesünder als unsere heutige Fast-Food-Ernährung. Genauso unbestritten ist unter allen Fachleuten die positive Wirkung von Obst, Rohkost, Nüssen, Fisch, Pilzen und Gemüse - also den wichtigsten Bestandteilen einer Steinzeiternährung. Der Verzicht auf industriell gefertigte Auftaupizza und Co, Zucker und gehärtete pflanzliche Öle sowie süßes Gebäck wird sicherlich einen positiven Einfluss auf Gewicht und Verdauung haben. Denn neben Bewegungsarmut ist ein zu viel an Zucker und Fetten ein Hauptgrund für gesundheitsschädigendes Übergewicht. Die Reduktion von Kohlenhydraten aus Mehl, Brot und Nudeln ist ein Hauptansatzpunkt vieler Ernährungsumstellungen (LowCarb) und findet mehrheitlich bei den Ernährungsexperten Zustimmung.

 

Doch nicht nur bei der Ernährung soll unsere Vergangenheit eine Rolle spielen: Rund um die Erde sind Mediziner und Wissenschaftler dabei, eine neue Sicht auf den Körper zu bekommen. Die Evolutionsmedizin stellt die Schulmedizin manchmal auf den Kopf. Ärzte entwickeln Heilverfahren, indem sie quasi Steinzeit imitieren: Allergiker werden zum Beispiel mit Parasiten wie dem Schweinepeitschenwurm besiedelt, um Allergien zu vermeiden. Denn unser Körper hat sich in Jahrmillionen darauf eingestellt, mit Parasiten zu leben.

 

Keiner will zurück in die Steinzeit mit ihren harten Lebensbedingungen, ihren Gefahren, ihren tödlichen Infektionen. Aber zu verstehen, wofür unser Körper eigentlich gemacht ist, hilft erstaunlich viel. Einen Film von Tilman Achtnich, der einen verblüffend neuen Blick auf uns Menschen liefert.

 

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Quelle: 3sat

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