Weniger essen, länger leben?

Bob Cavanaugh hat es zwar im letzten Jahr ganz knapp verpasst, für die Republikanische Partei in den US-Kongress einzuziehen. Aber der Erfüllung eines anderen Lebenstraums kommt er langsam näher.

 

Dafür mixt der 63-Jährige aus North Carolina jeden Morgen ein spezielles Frühstücks-Rezept: Er verrührt eine viertel Tasse Hafermehl mit der gleichen Menge Haferflocken und fettfreiem Trockenmilchpulver, schüttet einen Schluck fettarme Milch darüber und erhitzt den Brei in der Mikrowelle. Dann kommt noch eine Handvoll frischer Beeren auf die gräuliche Masse, und manchmal streut er Sonnenblumenkerne darüber. »Das ist mein Anti-Aging–Elixir«, rühmt Cavanaugh den grauen Brei. »Ich esse ihn praktisch jeden Morgen, seit fast zehn Jahren

 

Haferbrei als Frühstück ist nun wirklich keine Ernährungs-Revolution, aber Cavanaugh legt danach eine fast zehnstündige Kalorienpause ein. »Das Frühstück macht mich so satt, dass ich erst abends wieder esse: Salat oder Gemüse mit einer kleinen Portion Fleisch« kommt dann bei dem sportlichen Amerikaner auf den Teller, dazu gönnt er sich gelegentlich ein Gläschen Rotwein. Durch die strikte Schmalspurkost nimmt Cavanaugh lediglich 1800 Kilokalorien (kcal) pro Tag zu sich. Das sind 40 Prozent weniger als beim - meistens übergewichtigen - deutschen Durchschnitts-Mann, der circa 3000 kcal pro Tag vertilgt.

 

Cavanaugh ist Anhänger einer exzentrischen Diät-Bewegung namens CRON (Calorie Restriction with Optimal Nutrition). Die Mitglieder dieser Ernährungs-Religion nehmen besonders wenig Kalorien zu sich. Sie glauben, das Leben mittels Fastenkur verlängern zu können. Cavanaugh will 120 Jahre alt werden, und die Kalorien-Restriktion, so ist sich der kantige Amerikaner sicher, sei der einzig richtige Weg.

 

Dass Hungern positive Effekte für die Gesundheit haben kann, erkannten Forscher der Cornell University erstmals 1934. Sie setzten Ratten auf eine Diät mit 33 Prozent weniger Kalorien, dadurch verlängerte sich ihre Lebenserwartung um fast 50 Prozent. Von diesem überraschenden Ergebnis angestachelt, untersuchten Biologen und Ernährungsmediziner bei zahlreichen Spezies die Auswirkungen von Hungerkuren - immer mit dem gleichen Ergebnis: Hefekulturen, der Wurm Caenorhabditis, die Fruchtfliege Drosophila, Mäuse, Hunde und Primaten lebten deutlich länger, wenn sie weniger zu fressen erhielten.

 

Den spektakulärsten Versuch startete 1989 Medizinprofessor Richard Weindruch von der University of Wisconsin in Madison mit zwei Gruppen von Rhesusaffen. 38 der Primaten erhielten eine Niedrigkalorien-Diät, weitere 38 Rhesusaffen fraßen über Jahre hinweg normale Portionen. In der Gruppe der Normalfresser starben doppelt so viele Tiere an den typischen Altersleiden wie in der Diät-Gruppe, die mit 30 Prozent weniger Kalorien auskommen musste. Die schlanken Affen litten kaum unter Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes, sogar im Gehirn traten Altersschäden viel später auf als bei der Vergleichsgruppe.

 

Aufsehen erregte der direkte Fotovergleich der zwei Affen Canto und Owen, mit dem Weindruch seine Studie illustrierte: Owen, der zeitlebens immer reichlich zu fressen bekam, war ein übergewichtiger, zerzauster, faltiger Affen-Senior. Diät-Affe Canto dagegen wirkte wie die Fotomodell-Ausgabe eines Primaten: schlank, fit, mit glänzendem Fell.

 

Forscher und Pharmakonzerne suchen derweil nach den Ursachen des Anti-Aging-Phänomens der Schmalspurkost - mit dem fernen Ziel, ein Medikament zu entwickeln, das die Effekte der Kalorienreduktion gewährleistet, ohne dass Hunger entsteht.

 

Die bislang gängigste Theorie des Jungbrunnen-Effekts:

 

Womöglich verringert die kleinere Kalorienmenge den oxidativen Stress im Köper. Das Abwehrsystem muss weniger freie Radikale bekämpfen, die entzündliche Prozesse auslösen und am Anfang vieler Zivilisationskrankheiten stehen. Außerdem werden die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, weniger beansprucht, und eine langsamere Zellteilung würde auch die DNA-Schäden im Körper verringern, was der Entstehung von Krebserkrankungen vorbeugt.

 

Vor 20 Jahren mutierten die Teilnehmer des bekannten Biosphere- 2-Experiments unfreiwillig zu Diät-Versuchskaninchen. Unter einer Glaskuppel in Arizona sollten die Teilnehmer des Langzeitprojektes abgeschottet von der Außenwelt leben und sich autark ernähren. Da die Ernten in der Biosphere-Kuppel gering ausfielen, entschlossen sich die Teilnehmer, einfach weniger zu essen.

 

Der Arzt des Biosphere-Teams, Roy Walford, stellte fest, dass sich die kalorienarme Kost positiv auf die medizinischen Messwerte der Gruppe auswirkte: Das Biosphere-Team profitierte gesundheitlich von der Not-Verpflegung, und Walford wurde zu einem der bekanntesten Fürsprecher des Kalorien-Sparens. Seither belegen immer mehr wissenschaftliche Studien, dass eine Kalorienreduktion fantastisch anmutende Wirkungen auf den Körper haben kann.

 

Der Ernährungswissenschaftler Luigi Fontana verglich den Gesundheitszustand von 25 Niedrig-Kalorien-Essern (sogenannte CRONies) mit dem von Normalessern und war vom Ergebnis außerordentlich überrascht: Die CRONies hatten – was man durch Biomarker feststellen kann – ein um bis zu 15 Jahre niedrigeres biologisches Alter als die Normalesser.

 

Im Detail stellte Fontana fest, dass die CRONies einen niedrigeren Blutdruck aufwiesen, elastischere Gefäße hatten und geringere Mengen des Entzündungsfaktors C-reaktives Protein, das für gefährliche Entzündungsprozesse im Körper verantwortlich gemacht wird.

 

Die amerikanische »Calorie Restriction Society«, der auch Bob Cavanaugh angehört, schwärmt von der »einzigen von der modernen Wissenschaft bewiesenen Methode zur Lebensverlängerung«. Und das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« fasste die neuesten Erkenntnisse im März 2011 sogar in einer großen Titelstory mit der Überschrift »Die Heilkraft des Fastens« zusammen.

 

Offenbar ist der menschliche Körper nicht dazu veranlagt, ständigen Überfraß mit extra Lebensjahren zu belohnen - im Gegenteil! Erstmals haben Demografie-Experten vorgerechnet, dass das grassierende Übergewicht die Lebenserwartung einer ganzen Generation verringern könnte. Bislang verlängerte sich die Lebensspanne des Menschen in atemberaubender Geschwindigkeit: 1960 lag sie in Deutschland bei 69,7, und derzeit haben Neugeborene im Durchschnitt eine Lebenserwartung von über 80 Jahren.

 

Mit Übergewicht sinkt die Lebenserwartung um sechs bis sieben Jahre

 

Bei extremer Fettleibigkeit sogar um bis zu 20 Jahre! Dass wir nicht auf ständigen Überfluss programmiert sind, erklärt sich auch aus der Menschheitsgeschichte: Der Homo sapiens war wie seine Vorgänger darauf spezialisiert, längere Zeiten mit Hunger und Ernährungsengpässen zu überstehen. Dürren und schier ewige Winter in der letzten Eiszeit ließen nur die genügsamen Urmenschen überleben und sich fortpflanzen. Unsere Vorfahren waren ausdauernde Jäger, die sich gelegentlich durch Jagdbeute die Mägen vollschlugen und ansonsten Beeren und Früchte sammelten.

 

Auf die ständige kalorienreiche Fett- und Zuckerzufuhr ist der menschliche Körper nicht vorbereitet. Den Überfluss an Treibstoff bestraft er mit den lebensverkürzenden Krankheiten Krebs, Herzinfarkt und Diabetes – alles Leiden, die bei unseren steinzeitlichen Vorfahren überhaupt nicht auftraten.

 

Die Formel für langes, gesundes Leben können Mediziner aus den Gesundheitsakten von Hochbetagten ableiten

 

Es sind immer sehr schlanke Menschen, die ein biblisches Alter erreichen. Ihre Erbanlagen schützen sie vor schneller, üppiger Gewichtszunahme und gleichzeitig auch vor den tödlichen Zivilisationskrankheiten. Schauspieler Jopie Heesters (107), der Schriftsteller Ernst Jünger (gestorben mit 102 Jahren) oder Rekordhalterin Jeanne Calment, 1997 im Alter von 122 verstorben, prägen das Bild.

 

Dicke Hundertjährige sind nicht überliefert!

 

Ein Blick auf die japanische Insel Okinawa belegt, wie sich kalorienarme Ernährung als traditionelles Essensprinzip auswirkt. Hier gilt das »hara hachi bu« als wichtigste Essregel, und es wirkt wie eine Zauberformel: Sich den Bauch vollzuschlagen ist verpönt, stattdessen soll man den Magen nur zu etwa 80 Prozent füllen. Reis, viel Fisch und Gemüse dominieren den Speiseplan. Im Vergleich zu anderen Regionen Japans vertilgen die Einwohner Okinawas tatsächlich etwa 20 Prozent weniger Kalorien - nirgendwo sonst auf der Erde ist die Lebenserwartung höher, und in keiner Region gibt es so viele Hundertjährige.

 

Statistisch ist jeder 2200ste Bewohner Okinawas 100 Jahre oder älter, in Deutschland liegt nur jeder 10.000ste Einwohner über der magischen Altersmarke. Berühmt sind die Alten von Okinawa außerdem dafür, dass sie bis ins hohe Alter Sport treiben, arbeiten und soziale Kontakte pflegen.

 

Die neuesten Studien der USForscher Leanne Redman und Eric Ravussin zeigen ebenfalls, dass die Kalorienrestriktion lebensverlängernde Wirkung beim Menschen haben kann. Nach ihren Hochrechnungen können Menschen, die mit 25 Jahren eine 20-prozentige Kalorienreduktion beginnen, mit fünf zusätzlichen Lebensjahren rechnen. Wer mit 55 Jahren startet und 30 Prozent weniger Kalorien zu sich nimmt, gewinnt jedoch nur noch zwei Monate. Es ist also extrem wichtig, früh mit dem Kaloriensparen zu beginnen, sagt Leanne Redman.

 

Quelle: P.M. Magazin



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